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Zehn Dinge, die man über Christiane F. und ihr “Zweites Leben” wissen muss

Was ist aus Detlef geworden? Ist es schwer, clean zu werden? War das erste Buch Fluch oder Segen? Es gibt viele Fragen, die man mir immer wieder stellt, weil sich Mythen beharrlich halten. Doch manche davon beruhen auf einer Vorstellung von mir und meinen Büchern, die ich so nicht teile beziehungsweise die in meinen Augen missverständlich ist. Wer es nicht besser weiß, dem kann man ja keinen Vorwurf machen. Aber nun möchte ich die Irrtümer einmal aufklären und hoffe auf eure Unterstützung, indem ihr diesen Text teilt, weiterleitet, postet. Mir ist es ein Anliegen aufzuklären, was wirklich Sache ist. Oder wie Sonja es nennt: „Die zehn Mythen über Christiane F. auszupacken“. Mit Sonja zusammen habe ich diesen Text geschrieben, vor allem zum Buch gibt Sonja Antwort, zu meiner Person ich selbst (wir haben zur Sicherheit noch einmal die Initialien hinter die Antworten gepackt ;)).

Alles Gute!

Eure Christiane (zusammen mit ihrer Sonja)

1.  DETLEF WAR EINE KINDERLIEBE

4.1.1Ich kann verstehen, dass viele Menschen wissen wollen, wie es Detlef heute geht. Immerhin ist er ein ganz wichtiger Teil der Geschichte der „Kinder vom Bahnhof Zoo“. Auf viele Leser hat es einen verschroben romantischen Eindruck gemacht: Wir gehen durch die Hölle, aber das immerhin zu zweit. In Wahrheit war unsere Liebe aber nicht so stark – wie auch? Wir waren Kinder! Und süchtig obendrein. Was uns verband, war die Sucht und wenn wir nüchtern waren, dann waren wir uns gar nicht so nah.

Ich mochte Detlef wirklich. Aber es war eine Kinderliebe und wenn mich heute immer noch Leute fragen, wie es Detlef geht, dann frage ich immer zurück, ob man selbst noch Kontakt zu seiner ersten Liebe habe. Ich hoffe, es geht ihm gut. Aber ich weiß es nicht. Tut mir leid, wenn ich Illusionen zerstöre, aber Detlef und ich, wir haben uns seit den Zeiten vom Bahnhof Zoo nicht mehr gesehen. Seither habe ich sehr viele andere Freunde gehabt und zurzeit übrigens keinen Freund, denn mit meinen 51 Jahren bin ich happy, allein zu sein und meine Ruhe zu haben :) C.F.

2. ICH BIN NICHT CLEANmr._clean

Ich nehme täglich Methadon. 8ml. Die Hälfte davon würde Sonja sofort töten. Die meisten bezeichnen das nicht als clean. Und ich auch nicht. Aber warum ist das eigentlich von Bedeutung? Viele Menschen nehmen Tabletten, von denen sie abhängig sind – Diabetiker oder Allergiker zum Beispiel. Oder Herzkranke. All diese Leute brauchen ihr Mittel, um keine Schmerzen zu haben. So ist es auch bei mir. Ich nehme Methadon, um nicht auf Entzug zu kommen, denn davor habe ich Angst. Ich weiß nicht, was dann mit mir passiert, was ich dann mache. Allerdings bin ich gerade dabei, runterzudosieren! Ich war auch schon mal bei einem Milliliter Metha am Tag, das ist eine Winzmenge. Und da will ich wieder hin. C.F

3. „MEIN ZWEITES LEBEN” BEZIEHT SICH GAR NICHT AUF CHRISTIANE

Als vor ein paar Wochen bekannt wurde, dass Christiane ihre Autobiografie herausbringt, da schrieben viele Zeitungen: Endlich clean. Dabei hatten Sie das Buch noch gar nicht gelesen. In Wahrheit brechen wir mit dem Titel des Buches, das war von Anfang an so geplant. Es ist natürlich traurig, dass Christiane in Wahrheit bis zum heutigen Tag in immer anderer Form abhängig geblieben ist – nach dem Heroin kam das Kokain, dann waren es Schmerzmittel, IMG_1836schließlich das Methadon und der Alkohol. Aber das Buch ist mit Respekt davor geschrieben, dass 96 Prozent aller Substituierten es niemals in eine Abstinenz schaffen.

Die Abstinenz ist seit vielen Jahren auch nicht mehr oberstes Ziel der Substitution, sondern die Stabilisierung der Patienten, denen man durch die Verhinderung von Schmerzen ein menschenwürdiges Leben ermöglicht. Wir leben in einer Gesellschaft, die den Rausch huldigt, aber den Süchtigen verachtet. Es wird Zeit, dass wir hinschauen und Hilfe zur Selbsthilfe bieten. Denn viele Menschen sterben, weil sie sich durch Stigmatatisierung in eine Schattengesellschaft drängen lassen, in der sie unter “Ihresgleichen” leben und eher akzeptiert werden – aber aus Scham und aufgrund der Kriminalisierung bei der Beschaffung der Suchtmittel niemals daraus hervor treten, um sich Hilfe zu suchen.

Dass so wenige Menschen es jemals schaffen, komplett clean zu werden, hat auch physische Gründe. Denn man kann eine Opiatresistenz verfünfzigfachen! Die Betroffenen leben täglich mit Dosen, mit denen man eine ganze Schulklasse sedieren könnte. Nach vielen Jahrzehnten ist der Körper daran gewöhnt und braucht „Stoff“ um überhaupt normal zu funktionieren.

Natürlich schaffen es auch Einzelne in die totale Abstinenz. Man wünscht es jedem, denn Methadon hat unter Umständen fürchterliche Nebenwirkungen. Oft saß Christiane neben mir, pitschnass geschwitzt, kreidebleich, dieser Stoff macht keinen Spaß. Aber er stabilisiert Christiane. Nach etwa einer Stunde lassen die Nebenwirkungen nach und sie kann den Rest ihres Tages  schmerzfrei verbringen. Ich weiß, hätte sie das Methadon nicht, würde sie ihre Leiden durch die Leberzirrhose sowie die Schmerzen des Entzugs mit anderen Mitteln lindern müssen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich diese schlimmen Schmerzen nüchtern ertragen würde.

Es geht nicht darum, etwas zu beschönigen. Durch jahrelangen Drogenmissbrauch hat Christiane ihren Körper systematisch zerstört, ich hoffe, dass die Leser von “Mein zweites Leben” das begreifen und dass dieses Buch mehr Menschen von Heroinkonsum abschreckt, als „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. Sie ist es selbst schuld, wenn man es so will. Ich sehe aber auch, dass Opiatsucht eine Krankheit ist, die nur wenige besiegen.

Wenn Christiane ihr Methadon genommen hat, ist sie ganz normal. Weder ist sie wie betrunken noch anderweitig betäubt. Sie leidet nur nicht so sehr und ist in der Lage, sich ihrem Haushalt, ihren Dokumentationen, Büchern, ihrem Gekko und ihrem Hund, der Erziehung ihres Sohns, der Einrichtung ihrer Wohnung und ihrer Arbeit zu widmen.

Mit dem „zweiten Leben“ ist also nicht Christiane gemeint, denn es ist leider die Fortführung ihres ersten. Sondern ihr Sohn, dem Christiane trotz des Kampfes mit ihrer Sucht geben konnte, was ihr in ihrer eigenen  Kindheit fehlte – bedingungslose Liebe, Vertrauen in seine Fähigkeiten, Freiheit bei der Entwicklung und das Gefühl, dass immer jemand da ist, egal was passiert! Und der Junge macht deshalb so Vieles besser als sie. Am Ende bleibt sie eine tragische Heldin. Doch sie bleibt eine Heldin, denn sie hat einen ganz wunderbaren Jungen groß gezogen! Er ist ihr zweites, besseres Leben. S.V

4. ICH BIN KEIN JUNKIE

Ich bin nicht süchtig nach Drogen und damit kein Junkie. Ich hatte in den vergangenen 20 Jahren Rückfälle, ja. In den Momenten, in denen es mir wirklich schlecht ging und ich mir dummer Weise nicht anders zu helfen wusste. Aber von einem Rückfall ist man nicht gleich GTAabhängig, sondern erst dann, wenn der Körper sich dran gewöhnt und du nur noch drücken musst, um den Affen zu füttern. Es ist lange her, dass mir das passiert ist. Nicht mehr, seit mein Sohn da ist. Wir haben einen ganz normalen Alltag (mal abgesehen davon, dass ich täglich zum Arzt muss). Zum Beispiel sind wir in den vergangenen Wochen durch sämtliche Geschäfte der Stadt gelaufen, um das neue „Grand Theft Auto“ zu bekommen. Nun hat er es endlich und spielt Stunden lang.

Dabei spielt er gar nicht gern allein. Er zeigt mir dann immer: „Mama, guck mal, jetzt macht er dies und das…“ Er will mir immer zeigen, was er so schafft. Und manchmal spielt er auch strategische Spiele und lernt dabei etwas über Wirtschaft, über Geschichte oder andere Kulturen. Das ist doch toll. Ich trinke vor meinem Sohn nicht und ich kiffe nicht vor meinem Sohn. Aber ja, wenn er nicht da ist, dann mache ich das schon regelmäßig. Doch ich kann verzichten, denn ich bin zumindest davon nicht abhängig. Vom Methadon, leider. Aber das bringt ja keinen Turn, das verhindert nur den Entzug. Es gab im Spiegel mal ein tolles Interview mit dem Drogenguru Dr. Christian Rätsch, der erklärt, warum wir alle eine Droge sind und dass man kein DrogenOPFER sein muss, nur weil man DrogenKONSUMENT ist C.F

5. JEDES KAPITEL IST EINE CHANCE

Chronologie ist Nichts für Christiane Typisches. Termine und Zeit im Allgemeinen sind Nichts für Christiane Typisches. Um ihrer Geschichte auch in der Form gerecht zu werden, haben wir ihre Autobiografie daher von Anfang an so aufgebaut, dass jedes Kapitel für eine Chance steht, die Christiane in ihrem Leben hatte. Chancen sind etwas für Christiane Typisches. Und Träume. Leider sind bislang fast alle geplatzt. Viele Leute, denen ich von unserem Projekt erzählte, sagten: „Christiane hat doch so viele Chancen gehabt und keine davon ergriffen.“ Jedes Kapitel erzählt eine davon. Ich glaube aber auch, dass Christiane in ihrer Lebenswirklichkeit als Deutschlands bekanntester Junkie nur eine einzige wahre Chance hatte: Die Geburt ihres Sohnes. Und die hat sie auch genutzt. Der Junge gab ihr Lebenssinn, den sie zuvor in nichts und niemandem gefunden hatte. Nach der Geburt war sie clean, weg von Drogen, Alk und Methadon.

Doch diese Chance hat man ihr genommen, als man ihr das Sorgerecht für ihr Kind entzog, weil sie mit ihrem Jungen auswandern wollte. Das hätte nicht sein müssen. Vor allem die Tatsache, dass Christiane schon in den sechs Jahren vor dieser schlimmen Geschichte einen Familienhelfer hatte, der bis dahin auch keinen Grund sah, ihr das Kind wegzunehmen, macht es schwer, sich vorzustellen, dass das Stigma „Deutschlands bekanntester Junkie“ keine Rolle bei der Entscheidung der Behörden spielte. S.V

6. GELD IST NICHT DER GRUND FÜR DAS NEUE BUCH

Die Geldgurke alias KieskaktusLeute, Geld ist ganz sicher nicht der Grund für „Mein zweites Leben“. Wer das Buch liest, der erfährt, dass ich mein Geld gut angelegt habe. Und er erfährt auch, dass es um meine Gesundheit nicht ums Beste bestellt ist. Natürlich wird mein Junge durch das Buch etwas abgesichert, aber welche Eltern würden das nicht tun? Ich wollte es nur einmal gesagt haben, weil viele es konstatieren, dass dem so sei. Aber ehrlich gesagt ist es mir nicht so wichtig, ob man mir das glaubt. Ich weiß ja, was wahr ist und das ist es nicht. Da kann man aber auch daran mal wieder sehen, wie gern Menschen verurteilen. C.F.

  1. ICH BIN KEINE STARKE FRAU

Viele halten mich für eine starke Frau, ich nicht. Mein Leben beweist das Gegenteil. Nur mein Junge macht mich stark. Wenn es um ihn geht, bin ich eine Löwin! Aber davon ab habe ich viele Chancen verpasst und war oft schwach. Ich gebe meinem Jungen gegenüber aber übrigens auch meine Schwächen frank und frei zu. Er weiß, wie oft ich Fehler gemacht habe und was das mit meinem Körper gemacht hat. Er soll keine Faszination für Drogen entwickeln, in dem ich ihm vorgaukle, es mache mir nichts aus. C.F

8. ICH HABE DAS SORGERECHT FÜR MEINEN SOHN ZURÜCK

Was kaum einer weiß – oder was zumindest sehr oft ganz falsch kommuniziert wird: Ich habe seit 2010 das Sorgerecht für meinen Jungen wieder. Ich habe alle Auflagen erfüllt, die das Jugendamt mir gestellt hat. Unter anderem – nachdem ich den Verlust leider durch einen Rückfall kompensiert habe  – habe ich erneut ein Methadonprogramm absolviert und ein Jahr lang regelmäßig saubere Urinkontrollen abgegeben. Außerdem haben wir uns viele Monate lang nur in einem kalten, gekachelten Raum unter den Augen von acht fremden Menschen sehen dürfen, mein Sohn und ich. Das gab viele Tränen und hat beinahe einen Keil zwischen uns getrieben, denn wie soll man sich in so einer Situation nahe kommen? Und das wäre gerade kurz nach dem Vorfall dringend nötig gewesen. Wir haben es alles überstanden.

Aber als ich das Sorgerecht zurück hatte, ließ ich meinen Sohn in der Pflegefamilie, in der er unter gekommen war. Denn die Pflegeeltern sind nett und dort hat er Pflegegeschwister, das tut ihm gut. Er lernt Rücksicht und Fürsorge. Es wäre egoistisch gewesen, meinen Sohn nun wieder aus seiner neuen Schule und von den neuen Freunden weg zu reißen. Aber wir sehen uns an den Wochenenden und wenn er Sorgen hat, dann ruft er immer mich an. Wir haben ein sehr gutes Verhältnis, trotz allem. C.F

9. “WIR KINDER VOM BAHNHOF ZOO” HAT KEIN HAPPY END

Auch, wenn es von der Mutter sicher gut gemeint war, Christiane nach endlosen, fehlgeschlagenen Entzugsversuchen und Therapie und Gefängnis aus Berlin und ihrem Drogenumfeld zu reißen und zur Oma aufs Land zu schicken, so hat sich für mich aus den Gesprächen mit Betroffenen und Suchtexperten, die ich für die Recherchen zu „Mein zweites Leben“ geführt habe, die Erkenntnis ergeben, dass es fast schon ein bisschen naiv ist zu glauben, dass nur, wenn man jemandem den Stoff wegnimmt, dass das aus der Sucht führt. Wichtig dazu sind ja die Ursachen. In „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ geht es ja eigentlich nicht um Drogen, sondern es geht um einen heranwachsenden, instabilen Menschen, der familiär vernachlässigt wurde, der sich irgendwie identifizieren will, der irgendwo dazugehören will, der geliebt sein möchte, und der sich auf dem Weg in eine scheinbare Lösung komplett verliert.

Das ist übrigens der Grund, glaube ich auch, warum Christiane für so viele so faszinierend ist. Ich glaube, dass viele sich mit ihrer Geschichte identifizieren können, selbst wenn sie selbst keine Drogen nehmen. Man kann das ganze Leid auch umschlagen auf eine Sportsucht oder auf eine Arbeitssucht oder Esssucht oder Ähnliches. Die Ursachen sind ja das Wichtige – und oft sehr ähnliche.

Bei ihrer Großmutter väterlicherseits konnte Christiane ihren Konflikt nicht lösen, weil sie sich auch dort nicht aufgehoben und akzeptiert fühlte. Im Gegenteil: Schon am Ende von „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ wird deutlich, dass sie sich auf dem Land wie eine Paradiesvogel fühlte und Angst vor ihrer Oma hatte. Sie brach daraus aus, in dem sie nachts aus dem Fenster kletterte, um mit ihrem Freund zu kiffen, den die Oma nicht akzeptierte. Und indem sie viel trank und auch „mit Valium turnte“, wie sie selbst sagt. S.V

10. ICH HABE KEINEN KONTAKT MEHR ZU MEINEN ELTERN

Ich weiß gar nicht mehr, wann ich meinen Vater das letzte Mal gesehen habe. Er ist irgendwann abgedampft nach Thailand, weil es sich dort mit weniger Geld besser leben lässt, vermute ich mal. Ich weiß nicht, wie viele Geschwister ich väterlicherseits habe, ich vermute mal drei. Von einem Mädchen weiß ich, sie lebt in der Eigentumswohnung meines Vaters in Berlin. Aber er will keinen Kontakt mehr zu mir und er hat das auch seiner Tochter verboten. Einmal, das muss 2009 oder 2010 gewesen sein, war ich Silvester noch einmal dort und habe einen Zettel mit meiner Handynummer hinterlassen. Aber es gab keine Reaktion – weder von ihm, noch von ihr.

Mit meiner Mutter habe ich seit 2008 keinen Kontakt mehr. In dem Sommer, als diese schreckliche Sache mit dem Jugendamt war, da hatte meine Mutter nichts besseres zu tun, als einer Berliner Boulevardzeitung mehrere Interviews zu geben, in denen sie sich auch noch über mich beklagte. Ich sei ihrem achso perfekten Leben “in die Quere gekommen” und sie wolle mich nun nicht mehr sehen. Sie zog 30 Jahre, nachdem sie meinen Vater verlassen hatte, auch noch einmal kräftig über ihn her und lies mir über die Medien ausrichten, dass sie nicht mehr könne. Das war das Letzte, was ich von ihr hörte. Verwandte habe mir über Sonja jetzt ausrichten lassen, dass sich meine Mutter bis heute vehement weigert, mich bei Familienfesten dabei zu haben. C.F