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Ich verabschiede mich!

Markus Lanz ist schuld! Zweifach sogar – mit dieser Aussage treffe ich doch den Zahn der Zeit oder etwa nicht? Das soll aber kein Scherz sein. Markus Lanz ist tatsächlich schuld.

Oder sagen wir: Er brachte den Stein ins Rollen, dass ich nun nur noch in Ruhe alt werden und fürs Erste weder diesen Blog weiterführen, noch weitere Interviews geben möchte.

Nicht wegen seiner Fragerei, die jetzt viele so dreist finden, nein. Nein! Herrje, schaut euch mal unseren Auftritt bei „Deutschland Akut“ an. Danach haben Leute sich beschwert, Claus Strunz habe mich nie ausreden lassen. Aber ich fand das gar nicht so schlimm. Das muss doch flott sein. Ist doch deren Job. Ist doch sonst langweilig!

Lanz lud mich kurz vor Weihnachten in seine Talkshow ein. Eine nette Frau aus seiner netten Redaktion hatte vorab ein nettes Vorgespräch mit Sonja Vukovic und mir geführt. Zu der Zeit ging es mir aber schon gar nicht gut. Und damit meine ich: noch schlechter als sonst.

Wer „Mein zweites Leben“ gelesen hat, weiß wovon ich spreche – von der Leberzirrhose, dem Erbrechen, dem ständigen Schwitzen, der Bettlägerigkeit.

Seit ein paar Wochen bin ich nicht einmal mehr in Methadonbehandlung, weil ich es einfach nicht mehr vor die Türe schaffe. Ich schlafe viel. Und lese. Mir läuft der Schweiß runter, sobald ich mich auch nur anziehe – selbst bei den Minusgraden, die wir gerade haben.

Alles tut weh.

Trotzdem setzte ich mich Mitte Dezember mit Sonja in den Zug nach Hamburg. Irgendwie fühlte ich mich verpflichtet, das zu tun. Vor allem für die Fans,  die mir so nette Briefe und Facebook-Nachrichten schreiben und denen ich gar nicht allen antworten kann. Für die ich keine Lesereisen machen kann.

Doch ich sprang eine Haltestelle zu früh einfach aus dem Zug und lief weg, ohne jemandem zu sagen, wohin und warum. Ich wusste es in dem Moment selbst nicht einmal richtig. Ich schaltete mein Handy aus, tauchte unter. Sonja und der Verlag standen ziemlich blöd da und machten sich große Sorgen. Sie suchten mich in der ganzen Stadt, erzählten mir später, wie enttäuscht Natja Brunckhorst gewesen war.

Brunckhorst spielte meine Rolle in “Wir Kinder vom Bahnhof Zoo” und Lanz hatte auch sie mit in die Sendung eingeladen. Wir haben uns tatsächlich nur einmal kurz persönlich gesehen – nie richtig kennen gelernt! Und sie war extra spontan nach Hamburg gekommen, um mich bei Markus Lanz das erste Mal zu treffen. Doch nun war ich nicht da.

Ich lief etwas durch Hamburg, wusste nicht so recht, wohin mit mir. Nahm dann den nächstbesten Zug zurück nach Berlin. Ich war pitschnass geschwitzt und fühlte mich schlapp, legte mich in mein Bett und da wurde mir klar, dass ich das einfach nicht mehr kann:

Ich kann nicht mehr damit umgehen, mir Gedanken um mein Outfit machen zu müssen und um das, was ich sage. Souverän zu wirken, obwohl es mir hundsmiserabel geht. Ich pendle zwischen dem Glamour der TV-Studios in Hamburg und Paris und dem Gammel im Berliner Obdachlosenheim, wo Freunde von mir leben, die ich dort auch besuche. Selbst einen Arzt aufzusuchen überfordert mich. Weil ich dann verpflichtet bin, zu tun, was er sagt. Weil er mich wieder sehen will und ich Termine einhalten muss. Schon das ist für mich nicht einfach – und dann gibt es da Reporter und Dokumentarfilmer, die mich am liebsten wochenlang begleiten wollen?!

Ich bin eine kranke Frau Anfang 50. Ich kann nicht einmal längere Strecken mit der Bahn fahren, ohne dass ich drei Mal aussteigen muss. Es ist mir zu voll da drin, zu laut, zu warm.

Ach, ich bin einfach kein Promi, wie ihr ihn sonst so kennt. Viele Erwartungen kann ich einfach nicht erfüllen. Die Spannung zwischen meiner Lebensrealität und dem Anspruch der Leute an mich, all das, was viele in mir sehen wollen und was ich einfach nicht bin und nicht leisten kann, wird mir jetzt manchmal einfach zu groß.

Trotzdem habe ich es genossen, noch einmal eine Stimme bekommen zu haben. Viele Menschen waren sehr nett zu mir und es hat Spaß gemacht mit euch! Es ist auch toll, durch die Veröffentlichung meiner Autobiografie wieder in Kontakt mit alten Bekannten und Familienmitgliedern gekommen zu sein – einige davon gehe ich jetzt erst einmal besuchen.
Ich habe jetzt eigentlich auch alles gesagt. Meist stellt man mir doch nur noch dieselben Fragen. „Mein zweites Leben“ beantwortet alles.

Mein Problem ist: Sobald man den Vorstellungen der Leute nicht entspricht, wird man angefeindet. Vor allem im Internet, wo die Leute anonym sind und ohne Konsequenzen ihren Frust und ihren Hass loswerden können, ohne Rücksicht auf andere, macht mir das Angst.
Ich hatte Angst, dass mir genauso so etwas passiert, wie jetzt dem Lanz! Deshalb war ich nicht in seine Show gegangen. Jetzt geschieht ausgerechnet ihm so etwas. Das ist der zweite Grund dafür, dass ich mich definitiv entscheide, mich erst einmal wieder aus der Öffentlichkeit zurück zu ziehen.

Es darf doch nicht sein, dass einer öffentlich so fertig gemacht wird, nur weil er manchen nicht passt! Ich dachte, solcher Geschichten seien wir in Deutschland überdrüssig geworden. Da steht ein Mensch am anderen Ende – geht’s noch?!
Ich glaube nicht, dass das in Ordnung ist, dass so etwas Banales wie persönlicher Frust sich wie ein Lauffeuer verbreiten und zu Lasten einer Person die Gemüter einer unbekannten Masse erhitzen darf. Ich habe es schon erlebt und ich habe große Angst davor, dass anonyme Kritiker über mich urteilen und mir im Internet einen Prozess machen.

Und weil ich unter dieser Angst leide und derzeit nicht die Kraft habe, mich dagegen zu stellen, ziehe ich mich erst einmal zurück. Was bleibt, ist die Christiane-F-Stiftung, die wohl eine tolle Sache wird und von der ihr sehr bald mehr hören werdet – vielleicht dann, irgendwann, wenn der Frühling kommt oder meine Sorgen gehen, auch wieder von mir.

Bis dahin alles Gute und danke für alles.

Eure Christiane


Wie ein Pastorensohn wegen mir zum Alkoholiker wurde

Nach “Wir Kinder vom Bahnhof Zoo” bekam ich einen Ausbildungsplatz in der Branche, der ich viel verdanke: Joachim Ruschke und Sohn Jörg stellten mich ein. Da war ich 16, mehrfach vorbestraft und brachte das Chaos in die beiden Buchläden, die die zwei gemeinsam im norddeutschen Kaltenkirchen und in Hamburg führten. Es war eine echte Überraschung, jetzt, 35 Jahre später, Ruschke junior bei der Frankfurter Buchmesse wieder zu treffen. Er erinnerte sich an eine turbulente Zeit:

Ruschke“Es meldeten sich bei uns im Buchladen in Kaltenkirchen eines Tages zwei Kriminalbeamte. Sie deuteten an, in einem brisanten Fall einen Vorschlag zu einer Amtshilfe machen zu wollen. Es gäbe eine junge Frau aus Berlin, die den Wunsch hat, eine Ausbildung zur Buchhändlerin zu machen. Die Berlinerin sei allerdings mehrfach vorbestraft und galt als nicht ganz einfache Person.

Bei einem zweiten Besuch brachten sie das Mädchen mit. Christiane hat uns sofort überzeugt. Sie schien frech. Zwar etwas verloren, aber auch ehrlicher, schlagfertig. Sie hatte unglaublichen Charme, war clever und interessiert – wunderbare Voraussetzungen für eine Branche, in der sonst so viel so abgestaubt ist.

Am 6. September 1979 unterschrieben wir ihren Ausbildungsvertrag.

Der andere Auszubildende im Betrieb verliebte sich unsterblich in Christiane. Er war der Sohn eines Pastors und hatte jeden Morgen eine neue Überraschung für seine Kollegin bereit. Er wollte Christiane beeindrucken und hatte eine Menge Ideen, seine Liebe zu zeigen. Allerdings trieb er es etwas zu weit, als er eines Morgens mit einer Fahrradkette um den Hals in den Laden kam.

Christiane sah ihn an, schüttelte den Kopf und bezeichnete ihn knallhart als schwachsinnig. Der junge Mann war natürlich kein Punker, er hatte aber mitbekommen, dass Christiane auf Punker stand und in den Kreisen verkehrte. Er kam aus einem heilen Elternhaus. Christiane forderte ihn auf, er solle sofort mit diesem Quatsch aufhören. Der Pastorensohn war tief getroffen und fiel über Wochen wegen erheblicher Alkoholprobleme aus. So bekam die Geschichte durchaus tragische Züge. Der Pastorensohn verfiel dem Alkohol und wurde Jahre später in einer Fußgängerzone als Obdachloser wieder angetroffen.

Das war aber nicht der einzige Ärger, den Christianes Arbeit bei uns verursachte. Ständig kreuzten Fans und Fanatiker bei uns auf – oder Journalisten, die vorgaben, Kunden zu sein. Eines Tages kamen ein Herr und eine Dame zu uns und ließen sich von Christiane beraten. Sie gaukelten vor, an Kinderbüchern interessiert zu sein. Irgendwann platzten Sie mit der Wahrheit raus: es waren zwei Bild-Reporter! Christiane flippte aus und schmiss sie raus”

Dennoch war es eine wunderbare Zeit und ich freue mich für Christiane, dass sie der Branche treu geblieben ist!”

 

 


"Es gibt keine hoffnungslosen Fälle"

ChristianKleinChristian Claas hilft beim Aufbau der Christiane-F-Stiftung. Er war selbst jahrelang schwerstabhängig. Der Weg aus der Drogenhölle war lang und hart. Aber: “Es gibt keine hoffnungslosen Fälle”, sagt er heute. Eine Offenbarung:

Mein Name ist Christian (49) und ich bin süchtig. Schon im Alter von sechs Jahren spürte ich tief in mir eine unendliche Leere. Ich hatte das starke Gefühl, irgendwie anders zu sein, und dem entsprechend nicht dazu zugehören.

In engerem Kontakt mit anderen war ich nie so richtig gut, ich fiel nur immer wieder auf, weil ich meine Lehrer terrorisierte. Oder weil ich irgendein Chaos anrichtete. Meine Noten waren bis zur 4. Klasse recht gut, aber ich wollte einfach mehr. Vor allem mehr Zuwendung und Anerkennung, wie ich rückblickend weiß. Ich forderte sie durch irgendwelche Dummheiten täglich aufs Neue ein. Verzweifelt. Meist war das natürlich vergebens.

Das emotionale Chaos wuchs und als sich im Alter von 9 Jahren meine Eltern trennten, verlor ich völlig den Halt. Mein Vater war Alkoholiker und eigentlich schon immer selten anwesend gewesen. Wenn er überhaupt da war, dann schlafend. Er war Schichtarbeiter. Meine Mutter war überfordert, quasi allein erziehend wuchs es ihr alles über den Kopf mit meinem älteren Bruder und vor allem mit mir, dem „schwer erziehbaren Jungen“, wie es damals hieß.

Als ich elf wurde, wuchs das Interesse an meinen Klassenkameradinnen, aber auch dieses Thema war nicht von Erfolg gekrönt. Alkohol und Zigaretten zogen bald in mein Leben ein und dafür wurde ich zuhause geschlagen, woran ich mich aber recht bald gewöhnte. Taschengeldentzug war auch keine wirkliche Bestrafung, da ich sowieso kaum welches erhielt. „Stubenarrest“ war ebenfalls kein probates Mittel. Ich flüchtete mich aus dem Haus und in den Cannabis-Rausch. Mein täglicher Konsum war bereits zu Beginn der Oberschulzeit sehr hoch.

Es geht nicht um Schuldzuweisung, sondern um Verständnis

An dieser Stelle kurz erwähnt: Meinen Eltern habe ich heute verziehen. Denn später erkannte ich, dass sie es ebenfalls sehr schwer hatten im Leben und nicht anders handeln konnten. Um Schuldzuweisungen geht es und ging es mir eh nie.
Heute und hier schon gar nicht!

Aber zurück zu mir: Musik war ein starker Halt, ich wollte Rockstar zu werden. So hing auch ich recht oft im „Sound“ herum, der Disko, die man aus dem Film „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ kennt. Die Musik, die Mädchen in engen Jeans und oft auch knapperen Shirts. All die Drogen, das war was für mich! Vor Heroin hatte ich noch zu viel Respekt, aber ein wenig LSD sollte es dann doch schon sein. Nun begann der Wahnsinn seinen Lauf zu nehmen und ich war eigentlich nur noch zugedröhnt, hielt mich in der Hasenheide, in Kneipen und Discos, in den Schmuddelecken der Stadt auf. Eben nur nicht mehr in der Schule.

Und wenn, dann gab es Ärger: In der neunten Klasse wurde ich wegen Drogenerwerbs von einer schulfremden Person auf dem Schulgelände der Schule verwiesen. Ich handelte aus, dass es wegen schlechter Leistung und mangelnder Anwesenheit geschah. Die Schule machte mit, ob pädagogisch sinnvoll oder nicht, mir war es recht, denn zu hause gab es weniger Stress.

Nun hing ich fast nur noch im Übungsraum rum, inzwischen hatte ich eine Band: Als ich das erste Mal „Anarchy in the UK“ von den Sex Pistols hörte, war es um mich geschehen und ich wusste, dass es das war, wonach ich mich sehnte. Wir hatten tatsächlich einige Gigs und ich war stolz und glücklich, Sänger einer Punkband und ein Teil dieser noch kleinen, aber wachsenden Punkszene zu sein.

Doch in mir wuchs die Angst. Als wir kurz vor der ersten Schallplattenproduktion standen, kam ich aufgrund meines extremen Saufverhaltens und der Drogen schon nicht mehr recht klar. Schon ein Jahr zuvor, im Alter von gerade einmal 15 Jahren, war ich wegen eines LSD Trips, der mir nicht gut bekommen war, für elf Tage auf der geschlossenen Abteilung in Spandau gewesen. Ich hatte mich selbst eingewiesen, wurde aber extrem überdosiert mit Valium, Haloperidol und Neurocil.

Ein Jahr später war alles wie zuvor und so suchte ich in Verzweiflung die Kriseninterventionsstation im Klinikum Steglitz auf. Dort bot man mir eine Therapie auf Mallorca an und ich sagte zu – der Rockstarkarriere also zunächst einmal ab. Es fiel mir schwer, doch ich befürchtete in Berlin keine zwanzig Jahre alt zu werden!

Voller Wut und ewigem Selbstmitleid rann mein Leben dahin

In Spanien holte ich meinen Hauptschulabschluss nach und entschloss mich dann, nach zwei Jahren, wieder nach Berlin zurückzukehren, um dort ein anständiger Bürger zu werden. Ich schloss meine Lehre als Einzelhandelskaufmann ab, heiratete und bekam eine wundervolle Tochter geschenkt. Alles schien gut zu werden.

Doch allmählich schlich sich Alkohol und später dann Drogen, sogar Kokain und Speed, zurück in meinen Alltag. Ich verlor meine Familie an das Teufelszeug, war dem Selbstmord so nah, wie nie zu vor. Voller Wut, Enttäuschung, Trauer und ewigem Selbstmitleid rann mein Leben dahin. Verlassenheitsgefühle und enorme Ängste machten sich breit und dennoch – oder gerade drum – musste ich bis in mein 40. Lebensjahr aus Kübeln saufen und andere Drogen nehmen.

Als die nächste Beziehung zu zerplatzen drohte, nahm ich wieder therapeutische Hilfe in Anspruch. Meine Therapeutin empfahl mir, ein Meeting der Anonymen Alkoholiker zu besuchen, was ich als Beleidigung empfand. Doch nach dreimaliger Empfehlung ging ich, „ihr zu Liebe“.

Das war der Wendepunkt in meinem Leben, ich wurde dort angenommen wie ich war, durfte einfach sein und fühlte mich unendlich geborgen. Dies war der Moment meiner persönlichen Kapitulation!

Ich hatte den Kampf mit mir selbst, mit dem Alkohol und den Drogen verloren. Ich konnte bedingungslos aufgeben.

Dies geschah nur durch die absolute Annahme meiner damaligen Situation. Ich konnte mir eingestehen und aussprechen, was der Wahrheit entsprach, und somit konnte ich den Genesungsprozess beginnen.

Es folgten einige kurze Rückfallphasen, doch den Meetings blieb ich treu. Nun lebe ich schon seit über 9 Jahren  - mit Ausnahme von Nikotin und Kaffe – ein trockenes und cleanes Leben, nehme selbst keine Medikamente mehr ein.

Ich möchte anderen helfen

Ich bin heute in selbständiger Praxis als psychologischer Berater tätig, und versuche des Weiteren in der Selbsthilfe und weiteren Projekten, mit jungen Abhängigkeitserkrankten an deren Genesung teilzuhaben.

Es ist mir ein notwendiges und tiefes Bedürfnis geworden, anderen, noch leidenden Abhängigen durch meine Erfahrung Kraft und Hoffnung sowie mögliche Hilfe anzubieten. Denn aus meiner persönlichen Sicht gibt es keine „hoffnungslosen Fälle.“

Mein jetziges Leben verdanke ich meiner Familie, meiner Freundin,  allen 12 Schritte-Gruppen, der 12-Schritte-Klinik in Bad Herrenalb, zahlreichen Fachleuten, der Geduld und Toleranz zahlreicher Menschen und nicht zuletzt natürlich der Gnade Gottes und meinen vielen Schutzengeln!

In liebevoller Verbundenheit

Christian, ……süchtig